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Weniger Bürowände, mehr Zusammenarbeit? Nicht automatisch.
In zwei Firmen sank die gemessene direkte Interaktion nach dem Wechsel zu offeneren Büros um rund 72 beziehungsweise – je nach Modell – 67 bis 71 Prozent; elektronische Kommunikation nahm zu. Das macht offene Büros nicht pauschal schlecht, widerlegt aber den behaupteten Automatismus.
Ein Team zieht in ein offenes Büro: weniger Wände, mehr Sichtkontakt, mehr zufällige Gespräche. Die Rechnung klingt so plausibel, dass man sie beinahe für eine Messung halten könnte. Zwei Feldstudien haben sie tatsächlich gemessen – und fanden in den untersuchten Firmen die entgegengesetzte Richtung.
Ein offenes Büro bezeichnet hier eine Arbeitsumgebung mit weniger räumlichen Grenzen zwischen den Beschäftigten als zuvor. Die Behauptung lautet nicht bloß, dass der Raum anders aussieht. Er soll direkte Zusammenarbeit wahrscheinlicher machen.
Zwei Umbauten, dieselbe Richtung
Die Forscher Ethan Bernstein und Stephen Turban begleiteten zwei Unternehmensstandorte vor und nach dem Wechsel zu offeneren Büros. Tragbare Sensoren erfassten persönliche Interaktionen; zusätzlich wertete das Team elektronische Kommunikation aus. Damit wurde nicht nach einem allgemeinen Eindruck gefragt, sondern tatsächliches Kommunikationsverhalten vor und nach dem Umbau verglichen.
In der ersten Firma sank die gemessene direkte Interaktion um rund 72 Prozent, in der zweiten je nach ausgewertetem Modell um rund 67 bis 71 Prozent. Zugleich nahm elektronische Kommunikation zu. Beschäftigte saßen also offener beieinander und griffen dennoch häufiger zu digitalen Kanälen.
Das ist der interessante Widerspruch: Nähe beseitigt nicht nur Hindernisse. Sie verändert auch Sichtbarkeit, Unterbrechbarkeit und die Möglichkeit, ein Gespräch unauffällig zu führen. Die Studie zeigt das veränderte Verhalten; sie beweist nicht abschließend, welches dieser möglichen Motive es verursacht hat.
Was die Messung nicht kann
Zwei Firmen sind keine Weltformel für Büros. Die untersuchten Umbauten waren keine zufällig zugeteilten Laborbedingungen, und Unternehmen unterscheiden sich in Aufgaben, Kultur, Führung und Gewöhnung. Auch die Menge direkter Kontakte sagt nicht vollständig, ob eine Zusammenarbeit gut, kreativ oder produktiv war.
Die stärkste faire Gegenposition bleibt deshalb bestehen: Ein offenes Layout kann für bestimmte Teams, Aufgaben oder andere Ziele sinnvoll sein. Die Studien zeigen nicht, dass Einzelbüros grundsätzlich überlegen sind. Sie zeigen etwas Engeres – dass weniger Wände allein persönliche Zusammenarbeit nicht garantiert und sie in den beiden beobachteten Übergängen sogar deutlich zurückging.
Die brauchbare Konsequenz
Wer Arbeitsräume gestaltet, sollte nicht „offen“ mit „kollaborativ“ verwechseln. Zuerst gehört geklärt, welche Zusammenarbeit häufiger werden soll: kurze Abstimmungen, konzentrierte Paararbeit, vertrauliche Gespräche oder geplante Gruppenarbeit. Diese Formen brauchen nicht zwangsläufig denselben Raum.
Vor einem Umbau sollte das Team festlegen, woran bessere Zusammenarbeit erkennbar wäre – etwa an kürzeren Abstimmungswegen, weniger Unterbrechungen oder selbst berichteter Arbeitsqualität. Werden Kommunikationsdaten erhoben, sollte das transparent, zweckgebunden und nur so detailliert wie für den Vergleich nötig geschehen.
Dann wird aus dem Grundriss eine überprüfbare Hypothese. Möbel umzustellen ist leicht. Den behaupteten Nutzen zu messen wäre der eigentlich offene Teil des Experiments.
Quellen
- Bernstein und Turban: The impact of the ‘open’ workspace on human collaboration
- Harvard Gazette: Why open offices hurt collaboration and what can be done about it
Quellenstand: 13. September 2026.